Future Skills im Dialog
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Future Skills Fragebogen

10 Fragen für die Bildung von morgen

20. März 2026

1.   Future Skills – in a nutshell
: Was sind Future Skills für Sie – in einem Satz?
Future Skills sind die Fähigkeiten (wir nennen sie Befähigungen – Capabilities!), unter radikaler Unsicherheit urteilsfähig zu bleiben, verantwortlich zu handeln und gemeinsam Wandel zu gestalten – statt nur auf ihn zu reagieren.
 
2.   Wenn Sie priorisieren müssten
: Welche drei Kompetenzen werden für die Lebens- und Arbeitswelt von morgen wirklich entscheidend – und warum gerade diese?
Wenn ich priorisieren müsste, stünden drei Kompetenzen im Zentrum. Erstens die Fähigkeit zu Urteilskraft und ethischem Abwägen unter Unsicherheit: Die „richtige“ Lösung ist oft nicht eindeutig, weil Entscheidungen zunehmend von Zielkonflikten geprägt sind – zwischen Klima, Gerechtigkeit, Technologie und Demokratie. Zweitens Kooperations- und Dialogfähigkeit in Vielfalt, also interkulturell und inklusiv: Die großen Aufgaben unserer Zeit sind nur kollektiv lösbar, und Zusammenarbeit in diversen Teams sollte der Normalfall sein. Drittens systemisches Denken und Transformationskompetenz: Denn wir dürfen nicht nur Symptome managen, sondern müssen Systeme verstehen, ihre Nebenfolgen mitdenken und Veränderung gestalten – in Organisationen ebenso wie gesellschaftlich.
 
3.   Zwischen Buzzwords und Bildung
: Viele sprechen über Future Skills – wenige fördern sie systematisch. Wie sorgen Sie dafür, dass Studierende nicht nur Schlagworte lernen, sondern tatsächlich handlungsfähig werden? Welchen Stellenwert nimmt das in Ihrer Arbeit ein?
Wir setzen auf Lernformate, in denen Studierende nicht nur Begriffe/Konzepte wiederholen, sondern Entscheidungen treffen und deren Konsequenzen nachvollziehen können. Das gelingt besonders gut über reale, „lokal“ verankerte Projekte – etwa Service Learning, Kooperationen mit Praxispartnern oder problemorientierte Formate, in denen Studierende an konkreten Herausforderungen arbeiten. Wo ein solches „Lernen an der Wirklichkeit“ nicht durchgehend möglich ist, schaffen wir Räume für Experimentieren: „pockets of experimentation“, also geschützte Settings, in denen ausprobiert werden darf, ohne dass jeder Schritt sofort nach klassischen Leistungslogiken sanktioniert wird. Entscheidend ist, dass Reflexion kein Anhängsel bleibt, sondern ein Pflichtteil des Lernens ist: Nicht „Projekt abgeben und fertig“, sondern die systematische Frage nach Annahmen, Bias, normativen Konflikten und begründeten Alternativen. Der Stellenwert ist für mich sehr hoch, weil Future Skills ohne echte Handlungsfähigkeit schnell zur reinen Rhetorik werden.
 
4.   Mensch und Maschine
: Wie bereiten Sie Menschen konkret auf eine digitale, zunehmend KI-geprägte Arbeitswelt vor?
Was darf dabei Ihrer Meinung nach nicht an KI delegiert werden?
Konkrete Vorbereitung auf eine KI-geprägte Arbeitswelt heißt für mich zuerst: Wir müssen uns alle als Lernende begreifen. KI ist nicht einfach nur ein Werkzeug, sondern Teil eines sozio-technischen Systems, das Entscheidungen, Aufmerksamkeit, Arbeitsteilung und Verantwortungszuschreibungen verändert. Deshalb gehört zur Bildung mit KI immer auch Bildung über KI: Was kann sie – und was nicht? Wo entstehen Verzerrungen? Wer trägt Verantwortung, wenn etwas schiefgeht? Und welche Interessen stecken in Daten, Modellen und Plattformen? Didaktisch heißt das zugleich: KI sollte in kollaboratives Lernen eingebettet werden – gemeinsames Prüfen von Outputs, diskursives Abwägen von Grenzen, Teamarbeit an guten Fragen und besseren Kriterien – statt isoliertes „Prompting“ als Einzelleistung. Zusätzlich muss Bewertungs- und Quellenkompetenz gestärkt werden: Wie erkenne ich Qualität, Plausibilität, Halluzinationen und blinde Flecken?
Nicht an KI delegierbar sind aus meiner Sicht Werteentscheidungen und Verantwortung – also die Frage, wer wofür einsteht. Ebenso wenig delegierbar ist Urteilskraft: Was ist in dieser konkreten Situation angemessen? Und schließlich Beziehungsarbeit und echte Verständigung – Vertrauen, Konfliktklärung, Inklusion, Teamkultur. Und ja: Auch das Feiern gehört dazu, weil Gemeinschaft, Anerkennung und Sinn nicht automatisierbar sind.
 
5.   Der Realitätscheck
: Wo sehen Sie derzeit die größten Lücken zwischen dem,
was Hochschulen (oder Bildungssysteme) vermitteln,
und dem, was Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft tatsächlich verlangen?
Die größten Lücken sehe ich in drei Bereichen. Erstens erleben wir zu viel Metricisierung und zu wenig Sinn: Rankings, Output-Indikatoren und Standardlogiken bestimmen, was als „Erfolg“ gilt – während gesellschaftliche Relevanz, „Transfer“, Lehre zu wenig Gewicht bekommen. Zweitens fehlt vielerorts die Übung im Umgang mit Unsicherheit: Viele Curricula belohnen Eindeutigkeit und reproduzierbare Antworten, obwohl die Welt zunehmend begründete Entscheidungen trotz Unvollständigkeit verlangt. Drittens wird Inklusion und Chancengerechtigkeit noch zu selten als Qualitätskriterium ernst genommen: Exzellenz wird häufig eng definiert, während Zugang, Vielfalt und Wirkung nachrangig bleiben – obwohl gerade sie über die Zukunftsfähigkeit von Institutionen mitentscheiden.
 
6.   Haltung schlägt Technik
: Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Haltung, Verantwortung und Urteilskraft im Vergleich zu technischen oder methodischen Kompetenzen?
Beides: um Impact zu haben, braucht es kompetente Menschen mit Haltung!
 
7.   Bildung neu denken
: Wenn Sie eine Regel, ein Prinzip oder eine Struktur im heutigen Bildungssystem sofort ändern könnten, um Future Skills besser zu fördern - welche wäre das?
Mich stört die Dominanz von standardisierten Output-Logiken, die Lernen zu stark als Abarbeitung messbarer Einzelleistungen organisiert. Ich würde stärker auf formative, reflexive und projektbasierte Lern- und Prüfungsformate umstellen – mit Portfolios, Teamleistungen und dialogischer Bewertung, die die Qualität von Begründungen, Urteilen und Verantwortung sichtbar macht. Zukunftsfähige Bildung braucht mehr Erprobungsräume, mehr Zeit zum Denken und eine Qualitätskultur, die gesellschaftliche Wirkung, Inklusion und gute Lehre ebenso ernst nimmt wie Publikationszahlen.



8.   Persönlich gefragt
: Welches Future Skill ist für Sie persönlich das wichtigste –
nicht theoretisch, sondern im eigenen Denken, Arbeiten oder Entscheiden? Warum?
Ich mag Ambiguitätskompetenz/bzw. -toleranz – aushalten, beweglich bleiben, ohne beliebig zu werden. Ich brauche das ständig, weil Führung, Forschung und Lehre heute ein permanentes Nachjustieren verlangen: zwischen Ambition und Vorsicht, zwischen Innovation und Verantwortung, zwischen Geschwindigkeit und „Muße“, also der Zeit zum Denken.



9.   Zum Schluss
: Was sollten wir beim Thema Future Skills unbedingt ernster nehmen – und was wird Ihrer Meinung nach überschätzt?
Ernster nehmen sollten wir erstens die globale Dimension der Future-Skills-Debatte. In Deutschland wird das Thema oft erstaunlich insulär geführt – als ginge es primär um nationale Arbeitsmarktbedarfe oder Bildungsbiographien. Dabei sind die zentralen Treiber (Klima, Digitalisierung/KI, geopolitische Verschiebungen, Demokratiefragen) global verflochten, und auch Bildungsantworten werden international entwickelt, erprobt und kritisch diskutiert. Future Skills müssen deshalb stärker in globale Perspektiven eingebettet werden.

Zweitens sollten wir viel konsequenter anerkennen, dass Future Skills nicht nur an Hochschulen verankert gehören. Wenn wir von Bildung für die Zukunft sprechen, dann betrifft das alle Bildungsorte von der Kita über Schule und Ausbildung bis zur Weiterbildung. Gerade frühe Bildungsphasen prägen Selbstwirksamkeit, Neugier, Perspektivwechsel, Konfliktfähigkeit und den Umgang mit Unsicherheit. Überschätzt wird dagegen oft der Glaube, man könne Future Skills über Checklisten, Buzzwords oder Tool-Einführungen „implementieren“: Ohne Lernkultur, Erfahrungsräume, Reflexion und Beziehung bleibt es bei Rhetorik statt Handlungsfähigkeit.



10.   Ein Buch, ein Gedanke oder eine Erfahrung, die Ihr Verständnis von Future Skills besonders geprägt hat?
Ein Gedanke, der mich prägt: Universitäten sollten „Räume für Muße“ verteidigen – Zeit und Strukturen, in denen nicht alles sofort verwertbar sein muss. Diese nicht-instrumentelle Zeit ist oft die Voraussetzung für echte Urteilskraft, Kreativität und Verantwortung.


Dr. Robert Lepenies ist Hochschulpräsident und Professor für plurale und heterodoxe Ökonomik an der Karlshochschule International University. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Als gewähltes Vorstandsmitglied der Global Young Academy engagierte er sich international für Wissenschaft und wissenschaftlichen Nachwuchs. Darüber hinaus wirkt er in mehreren Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen sowie ehrenamtlich in NGOs und Stiftungen mit.

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